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Ein Wochenende

Roman

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783036958255
Sprache: Deutsch
Umfang: 288 S.
Format (T/L/B): 2 x 19 x 12 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Unterschiedlicher hätten die Leben der vier Freundinnen kaum verlaufen können, und doch bleiben sie sich über die Jahrzehnte hinweg treu: Jude, die kultivierte Gastronomin, deren Affäre mit dem verheirateten Daniel schon fast so lange währt wie der Freundeskreis; Adele, einst gefeierte Schauspielerin, die eben von ihrer Freundin verlassen wurde; Wendy, die feministische Intellektuelle, der das Verständnis für die eigenen Kinder nicht so leichtfällt wie das Schreiben komplexer Bücher; und schließlich die warmherzige, fürsorgliche Sylvie, der Kitt der Gruppe. Als Sylvie stirbt, wird den drei anderen klar, dass sie ohne ihre Freundin neu definieren müssen, was sie zusammenhält. An einem gemeinsamen Wochenende in Sylvies altem Strandhaus fördern allzu viel Wein und ungebetene Gäste zudem ein wohlbehütetes Geheimnis zutage, das ihre jahrelange Freundschaft auf die Probe stellt.

Autorenportrait

Charlotte Wood stammt aus New South Wales, Australien. Sie ist Journalistin und Autorin von mehreren Romanen und Sachbüchern. Ihren nationalen sowie internationalen Durchbruch erreichte sie 2016 mit "Der natürliche Lauf der Dinge", das u. a. den Stella Prize gewann. Sie lebt mit ihrem Mann in Sydney.

Leseprobe

Es geschah nicht zum ersten Mal, dieses Aufwachen im fahlen Licht des frühen Morgens, erfüllt von dem stillen, aber drängenden Wunsch, in die Kirche zu gehen. Ein Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten, ganz zweifellos. Frontalhirnschädigung, Frömmigkeit, Angst vor dem Tod, alles ein und dasselbe. Jude hatte da keine Illusionen. Diese Sehnsucht - war es eine Sehnsucht? Sie war ihr ein Rätsel, ein Beharren in ihrem Inneren, eine Art Schmerz, der kam und ging, vertraut und doch immer noch überraschend und mächtig, wenn er sich einstellte. Wie die Arthritis, die in ihrem Daumengelenk aufflammte. Der springende Punkt war, dass dieses Gefühl nichts mit Weihnachten oder mit sonst etwas in ihrem wachen Leben zu tun hatte. Es kam aus der Welt des Schlafes, entsprang ihrem träumenden Ich. Anfangs hatte dieses Gefühl sie beunruhigt, aber jetzt gab Jude sich ihm hin. Am Morgen vor Heiligabend lag sie in ihrem weißen Bett und stellte sich den kühlen, dunklen Innenraum einer Kathedrale vor, wo sie vielleicht allein wäre, willkommen geheißen von einer unsichtbaren, samtigen Macht. Sie sah sich dort knien, sah sich den Kopf auf die uralte Holzbank vor sich legen und die Augen schließen. Es war friedlich, in diesem stillen Raum ihrer Vorstellung. Frontalhirnschrumpfung, ganz zweifellos. In ihrem Alter unvermeidlich. Sie stellte sich die weichen, grauen Halbkugeln ihres Gehirns vor und musste an Lammhirne auf einem Teller denken. Hirn hatte sie immer gern gegessen, es gehörte zu den Gerichten, die sie oft bestellte, wenn sie mit Daniel essen ging. Aber beim letzten Mal hatten die drei zarten, winzigen Dinger, angerichtet auf einem rechteckigen Teller, sie angeekelt. Sie waren so klein, dass sie auf einen Dessertlöffel gepasst hätten, und in diesem angesagten türkischen Restaurant wurden sie sozusagen schmucklos serviert, nicht versteckt unter Panaden oder Garnierungen: Einfach drei nackte, pochierte Kleckse auf Grünzeug. Sie aß, natürlich aß sie, das gehörte zu ihren Prinzipien. Man lehnte nichts Angebotenes ab, schon gar nichts selbst Gewähltes. Doch beim ersten Bissen zerschmolz das Ding in ihrem Mund, zu gehaltvoll, wie streichzarte Butter, lauwarm und blassgrau, farblich und geschmacklich wie Motten - oder wie der Tod. In jenem Augenblick zeichnete der Schock ihr ein Bild von drei Lämmern, jedes mit eigenem Bewusstsein, eigenen Empfindungen, individuellen Freuden und Leiden. Danach konnte sie nicht mehr weiteressen und überließ Daniel den Rest. 'Ich will nicht sterben', hätte sie am liebsten gesagt. Natürlich sagte sie das nicht. Stattdessen fragte sie ihn nach dem Roman, den er gerade las. William Maxwell oder William Trevor? Sie verwechselte die beiden oft. Daniel war ein leidenschaftlicher Leser. Ein echter Leser. Der sich über Männer lustig machte, die keine Romane lasen, also über fast alle, die er kannte. Sie hätten Angst vor irgendetwas in sich selbst, sagte er. Angst, sich lächerlich zu machen, nicht zu verstehen - oder, wahrscheinlicher, Angst vor dem Gegenteil: dazu gebracht zu werden, sich selbst zu verstehen, und das sei ihnen unheimlich. Daniel schnaufte verächtlich. Sie behaupteten, keine Zeit zum Lesen zu haben, was ja wohl ein Witz war. Jude zog das Laken bis zum Kinn hoch. Der Tag fühlte sich jetzt schon stickig an, die Baumwolle kühlte ihren klebrigen Körper. Was wäre, wenn sie eines Morgens nicht aufwachte? Wenn sie eines Nachts in ihrem Bett starb? Niemand würde es merken. Tage würden vergehen. Irgendwann würde Daniel anrufen und sie nicht erreichen. Und dann? Sie hatten nie darüber gesprochen, was zu tun wäre, wenn sie in ihrem Bett starb. Letzte Weihnachten war Sylvie noch da, diese nicht - und jetzt sollten sie das Haus in Bittoes entrümpeln. Nehmt euch, was ihr wollt, hatte Gail aus Dublin in einer E-Mail geschrieben. Betrachtet es als Ferien. Wie man im Zusammenhang mit der Auflösung des Hauses einer toten Freundin an Ferien denken konnte, war Jude unbegreiflich. Aber es war nun mal Weihnachten,